Design

HELFEN DURCH GESTALTUNG

Text: Susanna Koeberle / 27.02.2018 17:29
Foto: Mark Glassner
Handwerk feiert Renaissance, auch hierzulande. Doch handwerkliche Erzeugnisse sind teuer, denn Handarbeit ging verloren, wurde selten und kostet viel. Das ist in anderen Kulturkreisen nicht der Fall. Zum Beispiel in Rumänien. Die handwerkliche Tradition der dort ansässigen Roma- Bevölkerung ist lebendig. Allerdings ist sie bedroht. War es früher üblich, dass der Nachwuchs den gleichen Beruf wie die Eltern erlernte, sind die Lebensbedingungen der Roma heute so schlecht, dass dies für Junge nicht länger attraktiv ist. Viele Handwerksfamilien leben in elenden Verhältnissen. Das hat unter anderem mit der politischen Situation in Rumänien zu tun: Nach wie vor werden die Roma ausgegrenzt und haben wenig Chancen, ausserhalb ihrer Sippe Arbeit zu finden. Dementsprechend schwierig ist Integration. Auch die häufig starren Strukturen der traditionell lebenden Roma bilden diesbezüglich eine Hürde.

Eine der von Roma gegründeten Organisationen, die sich für das Schicksal ihrer Volksgruppe einsetzt, ist die Nichtregierungsorganisation MBQ (Mesteshukar Butiq). Sie wird unterstützt durch die österreichische Erste Stiftung, die sich für Integrationsprogramme in Osteuropa

engagiert. Im Rahmen eines Social Inclusion-Projekts mit Roma-Handwerkern wurden die österreichischen Designer Nadja Zerunian und Peter Weisz angefragt, gemeinsam mit verschiedenen Handwerksfamilien zu arbeiten. Sie sollten für die traditionellen Erzeugnisse der Roma eine moderne Formensprache entwickeln und so das Handwerk am Leben halten. Der Verkauf der gemeinsam erarbeiteten Stücke in einer Boutique in Bukarest soll helfen, Berührungsängste und Vorurteile seitens der Rumänen gegenüber den Roma abzubauen. Ihre erste Reise nach Transsilvanien, wo viele Roma leben, war für die beiden ein Schock. Die Armut und die Ausgrenzung dieses Volkes, das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung des Landes ausmacht, erschreckte sie. Doch das handwerkliche Können, das von Generation zu Generation tradiert wird, beeindruckte sie. Nachdem sie für diese Kooperation offene Handwerker gefunden hatten, kam das Projekt ins Rollen. Nach mehr als drei Jahren und langen Aufenthalten in Transsilvanien lassen sich die Resultate sehen.

Ein Besuch vor Ort offenbart eine fremde Welt und gibt einen kurzen Einblick in die Situation. Während drei Tagen besuchen wir zusammen mit den Designern, zwei Fotografen und einem Vertreter von MBQ verschiedene Familien. Die ausländischen Besucherinnen und Besucher werden herzlich empfangen, Gastfreundschaft wird gross geschrieben. Solche Projekte müssen über mehrere Jahre reifen. Es galt in einem ersten Schritt das Vertrauen der Familien zu gewinnen, darauf analysierten die beiden Wiener Designer das Vorhandene. Mit welchen Werkzeugen arbeiten die Handwerker? Was kann man damit alles machen? Was kann einfach umgesetzt werden?

Zu den wohlhabenderen Gruppen gehören die Handwerker, die Metall verarbeiten. Das Schmiedhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Roma. Die Kalderasch-Familien leben unter sich; nie würden sie sich mit anderen Familien mischen, will der Brauch. Wir besuchen den Kupfertreiber Victor Caldarar, der mit seiner Frau Eva, seinem Vater Itzok und den Kindern Maria, Eva und Victor lebt. Es gibt kein fliessendes Wasser, geheizt wird mit einem Holzofen. Das Haus ist einfach gebaut, im Innern beeindruckt eine kunterbunte Mischung aus Materialien und Farben. Prunkvoll ist das handgeschmiedete Tor aus Eisen, man zeigt gern, was man kann. In der spärlich beheizten Werkstatt legen Victor und sein Vater Itzok die traditionellen Hüte der Kalderasch auf und beginnen mit der Arbeit. Es folgen präzise Schläge auf die erwärmten Kupferplatten, langsam entsteht ein Stück. Auf einem Tisch liegt eine Ansammlung von traditionellen Erzeugnissen. Interessanterweise sehen sie eher nach Massenware aus als nach Handwerk. Das hat vielleicht damit zu tun, dass diese vertrauten Objekt-Typologien häufig als Souvenir für Touristen hergestellt werden, was den Sachen etwas Gesichtsloses verleiht. Ziel der Zusammenarbeit ist es, den Roma den Stolz auf ihr enormes Können zurückzugeben. Was daraus entstehen kann, zeigt die weitere Kollaboration von Zerunian & Weisz, die auch Einzelstücke bei Victor und Itzok in Auftrag gibt. Damit können die Handwerker zusätzlich Geld verdienen. Die finanzielle Unabhängigkeit trägt aber nicht zuletzt zum rigiden Festhalten an den Traditionen bei, ein Teufelskreis also.

Frauen arbeiten nicht in der Werkstatt, sie nähen Tücher und andere Textilien für die Touristinnen und Touristen. Sie tragen immer rote Kleidung, was von den jüngeren Frauen nicht immer goutiert wird. Eine der Töchter zeigt mit einer verstohlenen Geste auf die Leggings unter ihrem Rock; diese würde sie lieber ohne die umständlichen langen Röcke tragen. Beide Mädchen wurden mit elf aus der Schule genommen, Maria, die ältere, wurde mit sechzehn verheiratet. Da die Ehe problembehaftet war, darf sie jetzt während einem Jahr wieder bei der Familie leben. So lange darf die jüngere Schwester nicht verheiratet werden. Der strenge Ehrenkodex mutet fremd und veraltet an.

Andere Berufsgruppen sind weniger strikt. Etwa die Holzschnitzer-Familie, bei denen wir am Tag darauf vorbeischauen. Hier ist die Armut stark spürbar. Paradoxerweise erleichtert dies ein Aufbrechen aus der starren Traditionen, man will den kommenden Generationen ein besseres Leben ermöglichen. Der Holzschnitzer Nick Dragan alias Bebe und seine Frau schicken ihre Tochter auf eine zwanzig Kilometer entfernte Schule, weil sie glauben, sie werde im Ort nicht gut genug unterrichtet. Der Sohn geht auf eine technische Schule. Das ist sehr ungewöhnlich für eine Roma-Familie. Allerdings spricht man in dieser Familie auch kein Romani, das je nach Gegend

variiert. In der winzigen Werkstatt wird im Team gearbeitet. Während Bebes Frau die Beine des Hockers schnitzt, bearbeitet der Schnitzer die Sitzfläche. Im Nu ist ein hübscher Hocker gemacht. Solche könne er auch für die Schweiz machen, sagt Bebe mit einem Lachen im Gesicht. Tatsächlich seien im Verlauf der Jahre auch andere Kooperationen entstanden, sagt Andrei Georgescu von MBQ, der mit uns reist. Etwa mit dem Möbelriesen Ikea, der in Rumänien Wald besitzt. Wie sich diese Zusammenarbeit auswirken wird, ist noch unklar. Auch Zerunian und Weisz wünschen sich, dass die Roma-Familien, mit denen sie über Jahre zusammengearbeitet haben, auf eigenen Beinen stehen können.

Solche Projekte verlangen viel Mut und Engagement auf beiden Seiten. Auch wenn die Designer mehrmals ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten (Stichwort Kolonialismus), sind sie zufrieden mit den Resultaten. Bereits zwei Mal organisierten sie einen erfolgreichen Pop-up-Shop von MBQ in Wien. Während der letztjährigen Vienna Design Week, bei der Rumänien Gastland war, konnten Victor und seine Frau Eva zum ersten Mal nach Wien reisen.

– Die Produkte werden von der Nichtregierungsorganisation MBQ angeboten. (http://mbq.ro)

 

https://www.hochparterre.ch/nachrichten/design/blog/post/detail/helfen-durch-gestaltung/1519749494/

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